![]() Witterung Der Winter setzte sehr spät ein, erst Mitte Januar, dauerte aber dann mit einer kurzen Unterbrechung bis Ende Februar, war jedoch ohne Schnee. Das Frühjahr war bei Fehlen von Winterfeuchtigkeit und mangelndem Regen sehr trocken. Gemeindeabend Am 19. Februar fand ein Gemeindeabend statt, bei dem Pfr. Dr. Heymann von Langsdorf einen sehr interessanten Vortrag hielt über das Thema: "Graf Wilhelm Moritz von Braunfels und sein Land." Der Redner berichtete in diesem Vortrag über einen Prozeß, den die Gemeinden des Hungener Landes, darunter besonders stark beteiligt Bellersheim, mit ihren Landesherrn führten. Die Gemeinden waren zu Frondiensten nach Hungen verpflichtet. Seitdem aber Hungen aufgehört hatte, Residenz zu sein, brauchten auch diese Dienste nicht mehr geleistet zu werden. Graf Wilhelm Moritz, der Geld brauchte, suchte nun seine Einkünfte dadurch zu mehren, daß er die Arbeitsverpflichtungen, die die Bürger hatten, in Geldleistungen umwandelte. Dagegen wehrten sich die Gemeinden in einem Prozeß, der 20 Jahre dauerte. Der Prozeß ging für die Gemeinden ungünstig aus. Ausführlicheres siehe Heimatglocken Jahrgang 1936 No 8ff. Polit. Umschwung Am 30. Januar hatte Reichspräsident v. Hindenburg den Führer der nationalen Opposition, Adolf Hitler, zum Reichskanzler ernannt. Der Reichstag wurde aufgelöst und Neuwahlen zum 5. März ausgeschrieben. Diese brachten den Nationalsozialisten eine große Mehrheit. Mit 288 Sitzen zogen sie in den Reichstag ein. Sie hatten damit mit den Deutsch-Nationalen die absolute Majorität. Am 21. März wurde der neugewählte Reichstag in der Garnisonkirche zu Potsdam - das Reichstagsgebäude war vorher von frevelhafter Hand in Brand gesteckt worden - eröffnet. In der Gemeinde wurde der Tag von Potsdam am Abend des 21. März durch einen Fackelzug gefeiert. Dabei hielt Lehrer Philipp - der Berichterstatter war an dem Tage in der Gemeinde nicht anwesend - die Ansprache. Feier des 1. Mai als Tag der nationalen Einheit. Auf Anordnung der Kirchenbehörde wurde der Tag der nationalen Arbeit schon am 30. April (Miserikordias domini) im Gottesdienst gefeiert. Der Gottesdienst, in dem die SA und die Jugendgruppen geschlossen teilnahmen, war auch von der Gemeinde stark besucht. Der Berichterstatter predigte über das altkirchl. Evangelium des Sonntags vom guten Hirten. Es bot den rechten Maßstab an dem alle Arbeit gemessen und nach dem sie gewertet werden muß. Sie darf, wenn sie für den Einzelnen und die Nation gesegnet sein soll, nicht "Mietlingsarbeit" sondern muß "Hirtenarbeit" sein. Zum Tag selber hatte die Gemeinde einen überaus reichen Festschmuck angelegt. Nachmittags fand ein Festzug statt, an dem sich die gesamte Bevölkerung beteiligte. Der Abend des Tages versammelte noch einmal die Gemeinde im Angermüller'schen Saale zur Übertragung der Feier vom Tempelhofer Feld mit der Rede des Reichskanzlers. Gleichschaltung... Alle linksgerichteten polit. Vereine wurden aufgelöst und ihr Vermögen eingezogen. Alle anderen Vereine und Organisationen wurden "gleichgeschaltet" d. h. alle Stellen in Leitung und Führung durften nur noch von Nationalsozialisten besetzt sein. ...auch der Kirche Was der Reichskanzler mit seiner eigenen, der kathol. Kirche, nicht unternahm, wurde bald in der evang. Kirche in Angriff genommen: der Versuch der Gleichschaltung. Zunächst mußte der evang. Kirche eine die Einheit verkörpernde Spitze gegeben werden: ein Reichsbischof wurde gewählt. Reichsbischof Die Wahl fiel auf den weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannten Leiter der Betheler Anstalten: D. Friedrich v. Bodelschwingh. Allenthalben freute man sich über diese Wahl. Der neugewählte Bischof richtete ein Grußwort an die evang. Gemeinden, das am 1. Pfingsttage im Gottesdienst verlesen wurde. Bereits am 2. Pfingsttag verbreitete der Rundfunk die Nachricht, daß D. v. Bodelschwingh als Reichsbischof wieder zurückgetreten sei. Am 9. Juni hielt Prälat Dr. D. Diehl vor oberhess. Geistlichen einen Vortrag in der Johanneskirche von Gießen über die kirchl. Verhältnisse in Deutschland, worin er erklärte, daß die Zeitungen noch nie soviel gelogen hätten wie in unseren Tagen. Kirchl. Wahlen Für Juli waren in ganz Deutschland kirchl. Wahlen ausgeschrieben. Von der nationalsozialist. Partei wurde die Forderung erhoben: 75% Deutsche Christen oder Parteimitglieder müssen in die kirchl. Körperschaften! Als der Ortsgruppenleiter N. N. mit diesem Ansinnen an mich, den Vorsitzenden des Kirchenvorstands, herantrat, erklärte ich ihm, daß der Wahlvorschlag vom Kirchenvorstand bereits aufgestellt sei. Man habe, soweit möglich auch Mitglieder der Partei in die Liste aufgenommen, aber ausschlaggebend seien nicht polit., sondern kirchliche Gesichtspunkte gewesen. Es wurde nur ein Wahlvorschlag eingereicht. Eine Wahl zur Kirchengemeindevertretung erübrigte sich darum. In die Gemeindevertretung waren gewählt:
Der Kirchenvorstand wurde einstimmig wiedergewählt und zwar:
So friedlich wie bei uns ging es bei dieser Wahl nicht in allen Gemeinden zu. |
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