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1937

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Ansprache,
gehalten bei der Einweihung des Gemeindesaales am 17. November 1937 [von Pfr. Gerich]

Gemeinde: Lobe den Herrn. Strophe 1 u. 2.
Text: Kolosser 3,16.

Mit einem Lob- und Danklied haben wir unsere Feier begonnen. Und fürwahr, wir haben alle Ursache zu loben und zu danken. Ist es doch eine Feierstunde ganz besonderer Art, die uns heute hier zusammengeführt hat. Schön und erhebend war es für uns, als wir vor 11 Jahren unser neues, 4stimmiges Geläut einweihen konnten. Aber die heutige Feier scheint mir jene noch an Bedeutung zu übertreffen. Ein schönes Geläut ist wohl etwas wert für eine Gemeinde, es ist eine Ehre für sie und zeichnet sie vor anderen Gemeinden aus. Aber ob eine Gemeinde 2 oder 3 oder 4 Glocken hat, darauf kommt es doch letzten Endes nicht an, sondern darauf, ob geistliches Leben in ihr vorhanden ist. Und weil diese Stätte, die wir heute weihen wollen ein Mittel- und Ausgangspunkt solchen geistlichen Lebens in der Gemeinde werden soll, darum scheint mir diese Feier noch bedeutungsvoller, wie jene andere vor 11 Jahren.

Aber, so ist mir gesagt worden, wir haben ja unsere schöne, geräumige Kirche, wozu noch einen Gemeindesaal? Jawohl, wir haben unsere Kirche und was für ein Segen von ihr im Lauf der Zeiten auf die Gemeinde ausgegangen ist, kann man in Worten gar nicht zum Ausdruck bringen. Viele haben darüber vielleicht noch gar nicht nachgedacht. Es ist ja oft so, daß man den Wert dessen, was man hat, nicht zu schätzen weiß. Erst, wenn man es entbehren muß, dann kommt einem zum Bewußtsein, was man gehabt hat. Jüngst kam mir das wieder so recht zum Bewußtsein, als ich mit einer Frau sprach, die aus einer Gemeinde mit regem kirchlichen Leben in eine Gemeinde heiratete ohne Kirche und ohne kirchliches Leben. Sie erzählte mir, wie sie diesen Mangel überall gefühlt habe und wie sehr sie darunter gelitten habe, daß ihr das Leben oft zur Qual geworden sei.

Daß wir eine Kirche haben, von der im Lauf der Jahrhunderte starke Segensströme ausgegangen sind auf die Gemeinde und ihre einzelnen Häuser und Bewohner, dafür wollen wir von Herzen dankbar sein.

Wenn wir nun heute neben der Kirche noch einen Gemeindesaal in Gebrauch nehmen, dann geschieht das wahrlich nicht, um die Kirche in den Hintergrund treten zu lassen, sondern erst wieder zu Ehren kommen zu lassen.

Unsere Kirche ist groß, für unsere kleine Gemeinde fast zu groß. Es ist mir in diesem Jahre einmal gesagt worden: "Die Bellersheimer sind noch nie gute Kirchgänger gewesen." Ich möchte das "nie" bezweifeln. Wäre das schon die Meinung der Väter gewesen, die uns vor 125 Jahren unsere Kirche erbauten, dann hätten sie sie nicht so geräumig erbaut. Es muß zugegeben werden, daß es in unserer Kirche, eben weil sie so groß ist, an gewöhnlichen Sonntagen, sogar auch an Festtagen, noch viel freie Plätze gibt. Das ist für die gottesdienstliche Gemeinschaft nicht gut. Es leidet die Geschlossenheit der feiernden Gemeinde. Wir kommen aber heute ohne die Erbauungsstunden im kleineren Kreise nicht mehr aus. Hier soll der Gemeindesaal eine Lücke ausfüllen.

Es war für die Kirchengemeinde nicht schwer, sich den Saal zu schaffen. Der Raum war da. Er diente ursprünglich einem anderen Zweck, es war ein Stall. Mit den veränderten Verhältnissen der neueren Zeit hatte er seine ursprüngliche Zweckbestimmung verloren. Er war zuletzt nur noch eine Rumpelkammer, auch ein bequemer Aufenthaltsort für mancherlei Ungeziefer geworden. Wer den alten Stall gekannt hat und nun den hellen freundlichen Raum sieht, der daraus geworden ist, der staunt darüber, was aus einem alten Gehäuse werden kann, wenn die rechten gestaltenden Hände darüber kommen. Daß das Werk gelungen ist, verdanken wir nächst Gott, der seinen Segen gab, den vielen Helfern am Werk, den Handwerksleuten, die es sich angelegen sein [ließen] Gediegenes zu schaffen, den vielen Gönnern der Sache, die durch große und kleine Gaben uns beim Werke unterstützten, sodaß wir es ohne Schulden zu machen hinausführen konnten. Es steht zu hoffen, daß auch der letzte Rest der Ausgaben für die Innenausstattung durch freiwillige Gaben noch gedeckt werden wird.

Seit wir an der Ausführung des Werkes standen und nun erst recht, da es vollendet ist, bin ich einen Gedanken nicht los geworden, ein Vergleich hat sich mir immer wieder aufgedrängt: So wie es mit dem Saal ist, so ist es mit dem Menschen. Wie dieser Saal war in seinem alten Zustand, so ist der Mensch in seinem ursprünglichen, natürlichen Zustand, wenn Sünde und Leidenschaften über ihn herrschen und das, was ein Tempel Gottes sein könnte, zerstören. Aber so darf der Mensch nicht bleiben, wenn er ins Reich Gottes kommen will. Es [Er?] muß anders, muß neu werden. Das war das, was unser Herr und Heiland dem Nikodemus klar machen wollte, als er zu ihm sagte: "Du mußt von neuem geboren werden." Aber so wie der Stall nicht aus eigner Kraft sich erneuern konnte, sondern wie dazu eine Kraft von außen her notwendig war, die ihn umformte, gerade so ist es im Leben des Menschen auch. Von sich aus, aus seiner eignen Kraft, kann der Mensch nicht aus seinem alten sündigen Wesen herauskommen. Er braucht eine Hilfe von außen, die Kraft von oben. Gott hat uns diese Hilfe zuteil werden lassen in Jesus Christus. Er gab ihn in diese Welt, damit er sie aus ihrem sündigen Wesen herausreißen und zu Gott führen sollte. Das schlichte Kreuz, das, den ganzen Raum beherrschend, die Stirnseite des Saales schmückt, soll uns immer wieder an diese eine große Tat der Liebe Gottes erinnern: Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Leben, ewiges Leben, strömt auch heute noch aus Christus uns zu. Das Mittel aber, der Kanal gleichsam, durch den es auf uns kommt, ist das Wort Christi. Darum mahnt uns der Apostel - das Wort schmückt die eine Längsseite des Saales -: "Lasset das Wort Christi unter euch REICHLICH wohnen!"

Daß das Wort Christi reichlicher unter uns wohne, daß es stärker als bisher seine erlösende Kraft in unserem Leben zeige, dazu weihen wir heute diesen Versammlungsraum. Durch das Wort Christi, das hier verkündigt wird, soll Sonne, Licht, Leben, Kraft aus der Ewigkeit einströmen in unser Dasein.

Als der Raum noch in seinem alten Zustand war, kam nur wenig Licht in ihn herein. Das Sonnenlicht war durch die dicken Mauern abgesperrt, nur ein kleines Fensterchen gab ihm spärlich Einlaß. Wie ist das nun auf einmal anders geworden! Seitdem man diesen Raum für seine neue Bestimmung zugerichtet hat, flutet Sonne in ihn herein vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag und zwar in einem Maße, daß dieser Raum, wenn man vom Pfarrhaus hier herüberschaut, oft wie vergoldet daliegt. Eine Stätte, da Sonnenlicht strahlt, soll dieser Raum uns werden auch in übertragenem Sinn. Sonnenlicht, das die Finsternis vertreibt, Sonnenglanz, der das Herz erquickt, Sonnenglut, die neues Leben weckt und Wachstum und Gedeihen schafft, sollen hier walten und von hier reichlich ausgehen über die Gemeinde.

Ich gebe mich dabei durchaus keinen trügerischen Hoffnungen hin: ich weiß, daß nur ein Teil der Gemeinde hier ein- und ausgehen wird. Und dennoch soll von hier aus ein Segen ausgehen über die ganze Gemeinde. Ist das möglich?

Man hat in den letzten Jahren in der Biologie eine eigenartige Entdeckung gemacht. Ein Gelehrter hatte Knollen von einer bestimmten Art von Zwiebeln abgeschnitten und sie so lange getrocknet bis sie nicht mehr ausschlugen, wenn man sie in den Boden legte. Sie blieben tot und verfaulten da. Sobald aber zu diesen toten Wurzeln lebendige Zwiebeln gesetzt wurden, fingen auch die scheinbar toten wieder an zu wachsen. Der Versuch wurde hundertfältig wiederholt und bestätigte immer wieder die unerklärliche Tatsache. Die lebendigen Pflanzen steckten die toten mit ihrem Leben an.

Gar nicht anders ist es im geistlichen Leben. Solche, die scheinbar tot sind, erwachen in ihrem Glaubensleben wieder, wenn sie mit lebendigen Christen in Berührung kommen. Wenn in einem Hause nur ein Träger geistlichen Lebens ist, so kann das für die ganze Hausgemeinschaft ein Segen werden. Solche Licht- und Lebensträger sollen für die Gemeinde die werden, die hier ein- und ausgehen. Das walte Gott!

Quelle: "Heimatglocken", Ausgaben Januar und Februar 1938

 

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