Zurück zur Homepage

1944

eMail

Schreibfeder
Fliegerangriff auf Bellersheim
Am heiligen Abend 1944 erlitt auch unsere Gemeinde einen schweren Fliegerangriff. Heiligabend fiel auf einen Sonntag. Am frühen Nachmittag des Tages trat der Berichterstatter den Weg nach Berstadt an, um dort am Nachmittag mit den Kindern noch eine Probe zu halten für den liturgischen Gottesdienst am Abend.

Es war ein wundervoller Wintertag, die Felder mit einem leichten Schnee bedeckt, die Wintersonne leuchtete mild von dem mit leichten weißen Wölkchen besäten Himmel. "Was für ein schönes Weihnachtsfest könnten wir feiern!" so ging es dem über die Felder Schreitenden durch den Sinn, "wenn dieser elende Krieg nicht wäre!"

In sein Gedächtnis suchte er sich noch einmal die Verse einzuprägen, mit denen er seine Ansprache im Gottesdienst beginnen wollte:

"Christfestglocken, wie ernst euer Klang!
Christenherzen, wie seid ihr so bang!
Schatten auf Häusern und Herden.
Goldiger Glanz der Vergangenheit
Weihnachtsjubel, wie weit, wie weit,
Schrecken, Schrecken auf Erden!"

Einzelne Flieger schwirrten durch die Luft. Die Probe fand statt. Währenddessen nahm die Fliegertätigkeit zu, so daß einige Mütter ihre Kinder aus der Kirche holen ließen. Vom Boden des Pfarrhauses beobachtete man die immer zahlreicher kreisenden Flieger. Auf einmal bemerkte man, wie in Richtung Bellersheim Felder am Himmel abgesteckt wurden, und schon krachten auch die Bomben und aus Bellersheim stiegen hohe Rauchsäulen auf, die sich bald in hell lodernde Flammen verwandelten. So schnell die Füße tragen konnten, eilte der Berichterstatter in seine Gemeinde. Im Pfarrhaus war, bis auf ein paar Fensterscheiben, alles unversehrt geblieben. Im Wohnzimmer bemühte man sich um ein verletztes Kind, dessen Vater beim Angriff den Tod gefunden hatte.

Der Angriff hatte wohl in erster Linie der Oberburg gegolten. Sie hatte am meisten abbekommen. Der oberste Stock des Wohnhauses war zusammengebrochen. Das alte Pächterehepaar, das in diesem Stock gewohnt hatte, war in den Garten geschleudert worden und war tot. Ein Teil der Ökonomiegebäude stand in Brand. Weiter brannten die an die Oberburg angrenzenden Ökonomiegebäude von Phil. Emmel und Ernst Kälberer in der Münchgasse. Die diesen Höfen in der Münchgasse gegenüberliegenden Höfe von Müller (Steghannese) und Schmied Jochem waren ebenfalls schwer getroffen. Eine Bombe, die in das Wohnhaus von Müller ging, traf die junge Frau Herta Müller, die gerade aus dem Zimmer gehen wollte, und tötete sie auf der Stelle.

In der Hintergasse [Anmerkung: heute "An den Hafergärten"] wurde das an Schmied Jochem angrenzende Haus von Schmied Bettinghausen getroffen, ebenso die Wirtschaftsgebäude von Otto Kammer (Wonners) und Witwe Kopf (Blocks).

In der Obergasse [Anmerkung: heute "Münzenberger Straße"] brannten die der Oberburg gegenüberliegenden Wirtschaftsgebäude von Mathes, Bopp (Hankurtches), Eberhardts, Sames und Weil nieder.

Weiter wurden in der Hintergasse ein Seitenbau im Hof von Schuhmacher Müller zerstört. In ihm hatte eine evakuierte Frau von Köln, Klara Demand, mit ihrem 4-jährigen Enkel gewohnt, ebenso eine aus Frankfurt evakuierte Frau, Berta Essenwanger mit ihrem Enkelkind [Anmerkung: Hier hat sich Pfr. Gerich vertan. Frau Essenwanger und ihr Kind - nicht ihre Enkelin! - starben ebenfalls in der Oberburg]. Alle kamen ums Leben.

Nicht weniger Verheerung richtete eine Bombe an, die in das Gemeindehaus, Ecke Ober- und Steggasse fiel. Sie tötete das alte Invalidenehepaar Schlosser sowie die Witwe Margarete Horst und ihren Schwiegersohn Karl Steuernagel. Schwerverwundet wurden bei dem Angriff noch 2 ausländische Arbeiter, ein Pole, der in Obbornhofen in Arbeit stand und ein Ukrainer, der in der Oberburg arbeitete. Beide starben an ihren Verwundungen im Krankenhaus.

Die Toten bettete man zunächst in der Kirche, deren Fenster durch den Luftdruck zum großen Teil beschädigt waren. Auch das Dach der Kirche hatte durch Bombensplitter notgelitten. Die Weihnachtsfeiertage waren durch Aufräumungsarbeiten, an denen die umliegenden Ortschaften mit Gespannen und Arbeitskräften sich beteiligten, ausgefüllt.

Bestattung der Toten vom Fliegerangriff
Die Bestattung der Toten fand am 29. Dezember statt. Es war vorgesehen, angesichts der in der Kirche aufgestellten Särge einen Trauergottesdienst zu halten. Die Kreisleitung von Gießen befahl jedoch, daß die Särge auf den Friedhof gebracht wurden. Als es zum Gottesdienst läutete, sammelte sich die Partei mit ihren Organisationen auf dem Friedhof. So kam es, daß ein Teil der Trauergemeinde auf dem Friedhof, ein anderer in der Kirche versammelt war. Um des Friedens willen und um der Würde der Feier keinen Abtrag zu tun, bat der Pfarrer die in der Kirche Versammelten, zunächst an der Parteifeier am Grabe teilzunehmen und dann zur Trauerfeier in die Kirche zu kommen. Nicht alle folgten der Aufforderung. Während der Feier draußen flogen wieder feindliche Flieger über die Versammlung, so daß manche aus Angst den Friedhof verließen.

Nach der Parteifeier versammelte sich die christliche Gemeinde im Gotteshaus. Es schlossen sich nur die in Uniformen von der Feier in der Kirche aus.Die Gemeinde sang im Gottesdienst von dem Lied "Weicht ihr Berge" die 1., 3., 4. und 5. Strophe, die der Pfarrer vervielfältigt in der Kirche hatte auslegen lassen. Als Schriftlesung diente Jes. 54, 7.8.10.. Der Trauerpredigt lagen die Worte aus dem Evangelium des Johannes 14, 1-3 und 27 zugrunde.

Warum die Feinde unsere kleine Dorfgemeinde sich zum Angriff ausgesucht hatte, hat man nicht ergründen können. Da aber an jenem Tag nur Flugplätze angegriffen worden waren, mußte man annehmen, daß man auch in Bellersheim etwas wie einen Flughafen treffen wollte. Es wurden auch Karten gefunden, auf denen in Bellersheim ein Flugplatz eingetragen war. In der Tat war ein solcher früher einmal geplant gewesen. Bemerkt sei noch, daß bei diesem Fliegerangriff etwa 30 Gehöfte z.T. schwer, z.T. leicht beschädigt wurden. Außer den 13 Opfern an Menschen kamen etwa 100 Stück Großvieh ums Leben. Man hat später ausgerechnet, daß etwa 700 Bomben auf Bellersheim abgeworfen wurden.

[Siehe Gedenkveranstaltung 50 Jahre später, 1994]

 

 

| 1943 | | Übersicht | | 1945 |