Geduld mit meiner Ungeduld
"Gott, schenke mir Geduld, aber bitte sofort!" - so das Gebet eines ungeduldigen Menschen. Der bemerkt, was er nötig hat - und doch nicht aus seiner Haut kann. Eine weit verbreitete menschliche Schwäche wird da humorvoll aufs Korn genommen. Ungeduld begegnet mir immer wieder: bei mir selbst und anderen. Sie scheint mir ein typisches Kennzeichen unserer Zeit zu sein. Leider fehlt aber meistens die Erkenntnis, die in dem Stoßgebet steckt - Geduld ist nicht unbedingt gefragt. Beispiele: Ein Autofahrer, der kurz vor mir auf die Bundesstraße einbiegt, obwohl nach mir kein Wagen mehr kommt. Er zwingt mich abzubremsen. Immer wieder versucht er, die Autos vor ihm zu überholen. - Dieser Fahrstil begegnet mir häufig. Mittagessen bei einer Konfirmandenfreizeit. Innerhalb von zehn Minuten sind die Teller leer und die Jugendlichen warten ungeduldig, dass sie den Tisch verlassen können. - Nicht nur bei Jugendlichen stehen "Fastfood" und Essen aus der Mikrowelle hoch im Kurs. Jemand erzählt umständlich und weitschweifig. Ungeduldig falle ich ihm ins Wort. Denn ich meine, längst zu wissen, was er sagen will. - Bei Rundfunk und Fernsehen gilt die Regel: Gesprächsbeiträge dürfen nicht länger sein als zwei Minuten. Danach lässt bei den meisten die Aufmerksamkeit nach. Warum diese Ungeduld, dieses Tempo? Ich meine, dahinter steckt eine große Angst. Die Angst, zu kurz zu kommen. Nicht genug Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erhalten, zu wenig Freude und Glück zu erleben. Deshalb muss jeder Tag vollgepackt werden mit viel versprechenden Aktivitäten und Begegnungen. Deshalb die Ungeduld, wenn der Augenblick nicht das hält, was ich mir von ihm versprochen habe: "Nicht lange aufhalten, schnell weiter zum nächsten Punkt." Die Gefahr ist groß, dass ich gar nicht richtig in der Gegenwart lebe. Und das Glück gerade deshalb versäume: "Woher weißt du eigentlich, dass das Glück vor dir ist und du ihm nachjagen musst?" hat ein Weiser gefragt. "Vielleicht ist es hinter dir oder neben dir, und du läufst ihm dauernd davon." Ich kenne Menschen, die mich an diesen Weisen erinnern. Die Ruhe ausstrahlen, in sich ruhen und eine unendliche Geduld für ihre Mitmenschen aufbringen. In ihrer Gegenwart kann meine Ungeduld von mir abfallen. Ich beginne zu spüren: Das Glück kann ich nicht machen, auch nicht festhalten. Sondern es ist ein Geschenk. Oft sind sie auch Menschen, die ein tiefes Gottvertrauen haben: Gott will mein Glück. Er wird mir geben, was ich brauche. Ich muss mich nur mit offenen Augen geduldig umsehen. Vielleicht können Sie wieder einmal in die Ruhe eines Gottesdienstes eintauchen, um Vertrauen zu fassen in dieses Versprechen? "Gott, schenke mir Geduld mit meiner Ungeduld. Amen."
Diese Betrachtung wurde am 28.04.2001 in der Gießener Allgemeinen als "Wort zum Sonntag" veröffentlicht.
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