Ist Geiz geil?
"Geizhälse sind unangenehme Zeitgenossen, aber angenehme Vorfahren." (Victor de Kowa) Ein frech-kritischer Satz in einer Zeit, in der es heißt: "Geiz ist geil", die Schnäppchenjagd zum Volkssport geworden ist und Deutschland die meisten Discounter in Europa hat. - Macht ein solches Kaufverhalten aber jemand schon zum Geizhals? Und gar noch zu einem "unangenehmen Zeitgenossen"?
Das kommt ganz auf das Drumherum an: Es gibt einen fließenden Übergang von einem preis- und verantwortungsbewussten Einkaufsverhalten bis hin zum rücksichtslosen Geiz. Nichts gegen Sparsamkeit. Wer allerdings zwanghaft immer nur auf den Preis schaut und sich (und anderen) nicht wenigstens dann und wann etwas gönnt, ist beim Geiz angelangt. Er möchte möglichst wenig einsetzen und geben, um möglichst viel zu bekommen. Dabei geraten ihm wichtige Zusammenhänge aus dem Blick: Zum Beispiel, dass billige Artikel oft in Billiglohnländern unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt werden. Oder dass sein Kaufverhalten vor allem Großunternehmen und Konzerne unterstützt statt mittelständische Unternehmen oder engagierte Kleinunternehmer im Dorf. Dass gute Arbeit einen angemessenen Preis haben sollte und damit gleichzeitig die Leistung anerkannt wird. Unsere Landwirte können ein Lied davon singen, wie durch den Geiz vieler Verbraucher, die mehr auf den Preis als auf die Qualität schauen, die Preise auf dem Markt gedrückt werden.
Wer beim Geldausgeben geizig ist, wird es auch bald in anderen Bereichen sein: "Geizige Menschen sind oftmals nicht nur mit ihrem Geld knauserig, sondern auch mit ihrer Zeit und mit ihrer Liebe. Bloß alles für sich behalten: Geiz und Gier sind Partner. Geizkrägen sind egozentrisch, auf sich und ihr eigenes kleines Wohlergehen fixiert. Geiz schließt die Sorge um andere aus, stellt die eigene Person in das Zentrum ihres Interesses und Handelns." (www.geizistgottlos.de) Der Geizhals handelt nach der Devise "Nehmen ist seliger den geben".
Unsere Welt braucht dringend Menschen mit einer anderen Einstellung. Das Gegenmodell zum Geizhals zeigt uns Jesus. "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon" hat er gewarnt. Sein Umgang mit anderen war von Großzügigkeit geprägt. Freigebig und ohne Berechnung ("Was bekomme ich als Gegenwert?") war er für viele da, hat viel von sich geschenkt – selbst sein Leben. Das Leben und Gott zu feiern hat er gelehrt. Seine Großzügigkeit und Liebe war ansteckend und zieht Kreise bis heute. Zum Glück. Auf diese Werbung zu hören macht uns wirklich reich.
Pfarrer Johannes Fritzsche
Ev. Kirchengemeinden
Bellersheim und Obbornhofen
Diese Betrachtung wurde als Wort zum Sonntag am 9. April 2005 in der Gießener Allgemeinen Zeitung veröffentlicht.
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