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Kirche und Geld

Liebe Synodalgemeinde,
"Kirche und Geld" lautet das Thema unserer Frühjahrssynode. Ich möchte es in der Predigt aufgreifen. Am Anfang mit 2 Geschichten und einer Beobachtung.

Die erste Geschichte: Ein Indianer aus dem Reservat besucht einen befreundeten weißen Mann in der Stadt. Das war für ihn ungewohnt und auch ein wenig verwirrend mit all dem Lärm, den Autos und den vielen Menschen um sich. Plötzlich bleibt er auf der Straße stehen und fragt seinen Freund: "Hörst du auch, was ich höre?" Der Freund lauscht und nennt den Straßenlärm, die Stimmen der Menschen und ihre Schritte und fragt dann zurück: "Was hörst du denn?" "Ich höre ganz in der Nähe eine Grille zirpen." ist die Antwort. Der weiße Mann lauscht und schüttelt dann den Kopf: "Du musst dich täuschen, hier gibt es keine Grillen. Und selbst wenn es welche gäbe, bei dem Lärm würde man ihr Zirpen gar nicht hören." Der Indianer geht ein paar Schritte zu einer von wildem Wein bedeckten Hauswand. Er schiebt die Blätter auseinander, und da sitzt tatsächlich eine Grille, die laut zirpt. Jetzt, wo er sie sehen kann, fällt dem Weißen auch das Geräusch auf, das sie von sich gibt. "Indianer haben halt ein schärferes Gehör." meint er zu seinem Freund. Der Indianer schüttelt den Kopf und sagt: "Das Gehör eines Indianers ist nicht besser und nicht schlechter als das eines weißen Mannes. Pass auf!" Er nimmt ein 50-Cent-Stück und wirft es auf den Boden. Es klimpert auf dem Asphalt. Leute, die mehrere Meter von den beiden entfernt gehen, werden auf das Geräusch aufmerksam und sehen sich um. Einer hebt das Geldstück auf und steckt es ein. "Siehst du," sagt der Indianer zu seinem Freund, "das Geräusch, das das 50-Cent-Stück gemacht hat, war nicht lauter als die Grille, und doch hörten es viele der Weißen und drehten sich danach um, während das Zirpen der Grille niemand hörte außer mir. Es kommt nicht daher, dass das Gehör der Indianer besser ist. Der Grund liegt darin, dass wir alle stets das gut hören, worauf wir zu achten gewohnt sind."

Liebe Schwestern und Brüder, worauf sind wir als Kirchenvorstände gewohnt zu achten? Auf den Klang des Geldes? Oder auf die Stimme von - nicht nur Menschen sondern auch - anderen Lebewesen? Betrachten wir Aktivitäten in unseren Kirchengemeinden überwiegend unter dem Gesichtspunkt: "Was kostet uns das?" oder lassen wir uns mehr von anderen Erwägungen leiten? Was überhören wir, weil unsere Aufmerksamkeit sich auf anderes konzentiert?

Die zweite Geschichte: "Rebbe, ich verstehe das nicht: Kommt man zu einem Armen - der ist freundlich und hilft, wo er kann. Kommt man aber zu einem Reichen - der sieht einen nicht mal. Was ist das bloß mit dem Geld?" Da sagt der Rabbi: "Tritt ans Fenster! Was siehst du?" "Ich sehe eine Frau mit ihrem Kind. Und einen Wagen, der zum Markt fährt." "Gut. Und jetzt tritt vor den Spiegel. Was siehst du?" "Nu, Rebbe, was werd' ich sehen? Mich selber." "Nun siehst du: Das Fenster ist aus Glas gemacht, und der Spiegel ist aus Glas gemacht. Man braucht bloß ein bisschen Silber dahinterzulegen, schon sieht man nur noch sich selbst."

Liebe Schwestern und Brüder, wir leben in Deutschland in einer der reichsten Kirchen der Welt. Und müssen uns immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, dass wir um uns selbst kreisen. Teure Bauunterhaltungen, Struktur- und Organisationsfragen, Suche nach Einsparmöglichkeiten und Diskussionen um die Kirchensteuer beschäftigen uns und binden viele Kräfte. Wie leicht verlieren wir dabei die Ökumene aus dem Blick, den Kontakt mit den notleidenden Schwestern und Brüder in anderen Kirchen, die unsere Hilfe brauchen; sehen uns ständig selbst im Spiegel, statt Jesu geringste Schwestern und Brüder in unserer Gesellschaft, die auf uns warten.

Und drittens die Beobachtung, die Sie alle sicher selbst gemacht haben: Der Bericht über die Börse und die Entwicklung der Kurse wird in allen Nachrichten immer ausführlicher und nimmt zunehmend mehr Raum ein. Für mich ist das Ausdruck einer veränderten Einstellung die lautet: Die Wirtschaft ist alles, sie ist der eigentliche Motor für alles Leben im Lande. Das Auf und Ab der Börsenkurse ist sozusagen die Fieberkurve der Wirtschaft - nicht nur national sondern global. Geht's der Wirtschaft gut, geht's auch uns gut - so die Botschaft (der ich nicht so recht vertrauen mag). Ein Zweites wird für mich an den Börsennachrichten deutlich: Der Gedanke "Man lässt Geld arbeiten, um sein Geld bequem zu vermehren" findet immer mehr Anhänger. Das ist so eine Art Sport - nicht nur an der Börse - geworden: Mit möglichst wenig Einsatz möglichst viel herauszuholen - zum Beispiel auch beim Einkaufen. Und die Börsennachrichten zeigen mir ein Drittes: Geld hat mit den höchsten Stellenwert in unserer Gesellschaft. "Geld haben heißt das Leben haben" - so der weit verbreitete Irrglaube. Wo Geld eine fast religiöse Bedeutung erhält, wo es zum Goldenen Kalb wird, um das eine ganze Gesellschaft herum tanzt, da sind wir Christinnen und Christen gefordert, die Maßstäbe wieder zurecht zu rücken.

Das will ich im folgenden mit ein paar biblischen Schlaglichtern andeuten.

Jesus hat in der Bergpredigt gewarnt: "Niemand kann 2 Herren dienen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." Überschrieben ist der Abschnitt in der Lutherübersetzung mit "Vom Schätzesammeln und Sorgen". Vor dem Geld als Sicherheit für ein sorgenfreies Leben warnt Jesus. Denn darüber verlernt man, sich auf Gott zu verlassen und darauf zu vertrauen, dass "der himmlische Vater weiß", wessen wir bedürfen. Es geht dabei um nicht weniger als das erste Gebot: "Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir." "Woran du dein Herz hängst und dich verlässt" - so hat es Luther in seiner Auslegung formuliert - "das ist in Wirklichkeit dein Gott." Doch, dieser Mammon als Gott steht hoch im Kurs. Aber er hält nicht annähernd das, was sich viele von ihm versprechen.

Da ist die Geschichte vom reichen Jüngling, der zu Jesus kommt und wissen will, was er tun muss, um das ewige Leben zu "haben". Jesus testet ihn sozusagen, indem er ihn auffordert, alles zu verkaufen, es den Armen zu geben und ihm nachzufolgen - die gesicherte Existenz zu verlassen und sich auf ein ungewisses Wanderleben ohne Garantien einzulassen. Der junge Mann schreckt davor zurück: "Er ging betrübt davon, denn er hatte viele Güter".

Sind wir als oberhessische Kirchengemeinden heute auch in dieser Gefahr? Verhindert das Geld, über das wir verfügen können und das wir nicht gefährden wollen die mutige Nachfolge?

Ich will mich dieser Frage von einer anderen Seite nähern. Jesus hatte kein Betriebskapital, er verfügte über keinen kirchlichen Haushalt, als er mit etwa 30 Jahren beschloss, die Zimmerei seines Vaters zu verlassen, um durch Galiläa zu ziehen und von Gott zu erzählen. Und ein paar Monate später, als viele mit ihm zogen und natürlich auch essen und trinken mussten, gab es unter diesen Begleitern auch Frauen reicher Männer, die Geld mitbrachten, um sie zu versorgen. Vielleicht müssen wir diese Reihenfolge beachten: Wenn die Botschaft Menschen bewegt und anspricht, dann kommen Investitionsbereitschaft und Geld ganz von selbst dazu. Umgekehrt wird es nicht funktionieren. Es gibt viele Kirchengemeinden, die gutgefüllte Kassen haben, aber außer der Pfarrerin, dem Pfarrer, kaum Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Trotz vorhandenem Betriebskapital liegt die Arbeit brach. Vielleicht auch, weil viele denken: Drei bezahlte Mitarbeiter (der Pfarrer, die Küsterin, die Organistin) in der Gemeinde und Kirchensteuermittel reichen, um das Reich Gottes wachsen zu lassen. Der Reichtum einer Kirche ist das Engagement ihrer Mitglieder: dass sich Männer und Frauen einbringen mit ihren Begabungen, mit Leib und Seele, die Botschaft weitergeben, die uns aufgetragen ist. Interessant ist, dass Jesus seine Jünger sozusagen ein Praktikum machen lassen hat: Er hat sie jeweils zu zweit ausgeschickt, um die Botschaft unter die Menschen zu bringen, zu heilen und Dämonen auszutreiben. "Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt es auch.", hat er ihnen eingeschärft. "Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keine Reisetasche, auch nicht 2 Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert." Ich würde daraus natürlich nicht ableiten, dass heutzutage alle Mitarbeiterinnen nun für "Gottes Lohn" arbeiten sollen und die PfarrerInnen ab sofort kein Gehalt mehr bekommen. Aber Jesus macht noch einmal die Wertigkeiten bewusst: Die Botschaft ist das Betriebskapital und nichts anderes. Alle Absicherungen durch Geld und Ausrüstung können gefährlich sein und davon ablenken. Mit leeren Händen kann man sich besser auf Gott verlassen und konzentrieren, als mit einer Sicherheit in der Hinterhand.

Liebe Schwestern und Brüder, das sollten wir nicht vergessen und deshalb will ich es noch einmal wiederholen: Die Botschaft von Gottes Liebe ist unser Betriebskapital als Kirche. Das Geld ist nur ein Mittel unter mehreren, das diesem Zweck dienen soll. Dafür soll es ausgegeben, investiert und nicht angespart werden.

Ein letzter Gedanke: In der vorhin gehörten Lesung von den anvertrauten Talenten scheint es vordergründig um die Börsenlogik zu gehen: Geld soll Geld erarbeiten, das Kapital soll durch Investitionen und Anlagen vermehrt werden. Aber das Wort Talent zeigt, was Jesus meint. "Talent", ursprünglich die Bezeichnung für ein bestimmtes Gewicht, ist zu einem Synonym für Begabung, Fähigkeit geworden. Es geht nicht um Geldinvestition, sondern um die Entdeckung meiner Talente und ihren Einsatz für die Gemeinde. Der Reichtum einer Gemeinde lässt sich nicht in Geld messen. Der Reichtum der Kirche sind die Begabungen ihrer Mitglieder und das Engagement mit diesen Talenten für das Ganze.

Reichtum an Geld und Reichtum an Segen: Da gibt es einen großen Unterschied. Damit Reichtum an Geld wächst, darf nicht zuviel ausgegeben werden. Damit Gottes Segen wachsen kann, muss er hergegeben und geteilt werden, wie es eine Liedstrophe in Worte fasst, die wir gleich singen wollen: "Keiner kann allein Segen sich bewahren, weil Du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen. Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen, schlimmen Schaden heilen, lieben und verzeihn." (Ev. Gesangbuch, 170,2)
Amen.

Johannes Fritzsche

Diese Predigt wurde zu Beginn der Dekanatssynode in Langsdorf am 31.03.2001 gehalten.


Geschichte von den anvertrauten Talenten, Matthäus 25,14-30:

Jesus erzählt:
"Es ist wie bei einem Mann, der verreisen wollte. Er rief vorher seine Diener zusammen und vertraute ihnen sein Vermögen an.
Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, dem anderen zwei Talente und dem dritten eines, je nach ihren Fähigkeiten. Dann reiste er ab.
Der erste, der die fünf Talente bekommen hatte, steckte sofort das ganze Geld in Geschäfte und konnte die Summe verdoppeln.
Ebenso machte es der zweite: zu seinen zwei Talenten gewann er noch zwei hinzu.
Der aber, der nur ein Talent bekommen hatte, vergrub das Geld seines Herrn in der Erde.

Nach langer Zeit kam der Herr zurück und wollte mit seinen Dienern abrechnen.
Der erste, der die fünf Talente erhalten hatte, trat vor und sagte: 'Du hast mir fünf Talente anvertraut, Herr, und ich habe noch weitere fünf dazuverdient; hier sind sie!' 'Sehr gut', sagte sein Herr, 'du bist ein tüchtiger und treuer Mann. Du hast dich in kleinen Dingen als zuverlässig erwiesen, darum werde ich dir auch Größeres anvertrauen. Komm zu meinem Fest und freu dich mit mir!'
Dann kam der mit den zwei Talenten und sagte: 'Du hast mir zwei Talente gegeben, Herr, und ich habe noch einmal zwei Talente dazuverdient.' 'Sehr gut', sagte der Herr, 'du bist ein tüchtiger und treuer Mann. Du hast dich in kleinen Dingen als zuverlässig erwiesen, darum werde ich dir auch Größeres anvertrauen. Komm zu meinem Fest und freu dich mit mir!'
Zuletzt kam der mit dem einen Talent und sagte: 'Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nichts ausgeteilt hast. Deshalb hatte ich Angst und habe dein Geld vergraben. Hier hast du es zurück.' Da sagte der Herr zu ihm: 'Du bist ein Faulpelz und Taugenichts. Wenn du wusstest, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nichts ausgeteilt habe, warum hast du das Geld nicht wenigstens auf die Bank gebracht? Dann hätte ich es jetzt mit Zinsen zurückbekommen.
Nehmt ihm sein Teil ab und gebt es dem, der die zehn Talente hat!
Denn wer viel hat, soll noch mehr bekommen, bis er mehr als genug hat. Wer aber wenig hat, dem wird auch noch das Letzte weggenommen werden.
Und diesen Taugenichts werft hinaus in die Dunkelheit, wo es nichts als Jammern und Zähneknirschen gibt."

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