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 Anrufen geht immer

Ein sonniger Nachmittag in den Dolomiten vor 3 Monaten. Wir sind auf einer Bergtour rund um den Rosengarten. Als wir um eine Wegbiegung kommen, steht da ein Mädchen im Teeniealter mit Chucks (Stoffturnschuhen) an den Füßen und einem Handy am Ohr. Und wie das häufig beim Telefonieren in der Öffentlichkeit ist, lässt sich das Mithören nicht vermeiden. "Papa, du hast gesagt: 'Beim Adler immer geradeaus' - aber erstens sind hier lauter Scheißwege, auf denen ich mit meinen behinderten Schuhen nicht laufen kann. Und zweitens hab' ich voll den Hunger." Mehr hören wir nicht mehr, denn wir sind weiter gegangen. Amüsiert vergewissern wir uns untereinander, dass wir richtig gehört haben, so grotesk kam uns diese Szene vor. Ein wenig Schadenfreude und Genugtuung empfinden wir auch: In den Bergen, auf steinigen Wegen sollte man feste Schuhe tragen, richtig ausgerüstet sein und sich orientieren können.

Erst später meldet sich bei mir das Mitgefühl. Offensichtlich war sie ohne jede Bergerfahrung allein in einer für sie fremden Welt "gestrandet", wo sie sich überhaupt nicht auskannte. Ich überlege, wie die Geschichte wohl ausgegangen ist. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass das Mädchen - dank Papa - am Ende wieder wohlbehalten im Tal ankam. Damit hat sie die Erfahrung gemacht: Anrufen geht immer und bringt Hilfe.

Dieses Erlebnis ist mir zum Gleichnis geworden: Es gibt bei jedem Menschen Lebenssituationen, in denen es ihm ergeht wie dem Mädchen: Wo man den Eindruck hat, in eine fremde Welt geraten zu sein. Ohne darauf vorbereitet zu sein. Ohne Ortskenntnis und Erfahrung. Ohne zu wissen, welcher Weg der richtige ist.

Eine solche Lebenssituation kann ein Umzug sein, der Übergang in den Ruhestand oder die Arbeitslosigkeit, eine Scheidung, die Trauer um den verlorenen Ehepartner, eine schwere Erkrankung... Am schlimmsten ist es, wenn man dabei das Gefühl hat, ganz allein auf sich gestellt zu sein.

Aber ich bin überzeugt, dass auch hier gilt: Anrufen geht immer: Menschen, zu denen ich Vertrauen habe. Darüber hinaus kann ich zu jeder Tages- und Nachtzeit den erreichen, der mich besser kennt als jede(r) andere und immer ein offenes Ohr für mich hat: "Ob ich sitze oder stehe, ob ich liege oder gehe, bist du, Gott, bei mir. Ob ich schlafe oder wache, ob ich weine oder lache bleibst du, Gott, bei mir. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir." (Eugen Eckert nach Psalm 139) Bei ihm, den Jesus "Abba" (Papa) genannt hat, kann ich im Gebet Trost und Hilfe finden. Damit wünsche ich Ihnen gute Erfahrungen!


Als "Wort zum Sonntag" am 18.09.2010 in der Gießener Allgemeinen veröffentlicht

Johannes Fritzsche

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