"Es gibt
ein Kind"
Heiligabend-Predigt 2007
in Bellersheim und
Obbornhofen
1
Liebe
Gemeinde,
was
macht
Weihnachten aus?
Es
gibt Gans!
Sagt der erste.
Es
gibt Karpfen!
Sagt der zweite.
Es
gibt, sagt der dritte,
ein Kind!
So
heißt ein
kleines Gedicht von Peter Jepsen ("Kleine Propheten").
Vielleicht stehen Gans und Karpfen bei manchen tatsächlich
zuhause
auf der Speisekarte. Aber ist das auch bei einem Kind möglich?
Natürlich nicht. "Es gibt, sagt der dritte, ein Kind!" -
das erinnert an die Geburt vor über 2000 Jahren in Bethlehem,
die
viele heute noch – wie wir hier in der Kirche auch - feiern.
2
Das
Gedicht
benennt die Spannung, in der wir Weihnachten feiern: Auf der einen
Seite gibt es das Weihnachtsfest, das durch den
Kalender
festgelegt ist, auf das wir uns vorbereiten
können: Wir
nehmen eine Menge Arbeit auf uns, machen Todo-Listen, was bis wann zu
erledigen ist, schreiben Wunschzettel, kaufen Geschenke, bereiten die
Familienfeier an Heiligabend vor, verabreden Verwandtenbesuche
über
die Feiertage und nehmen schon vor Weihnachten an Weihnachtsfeiern im
Betrieb und in Vereinen teil. Manchen macht das so viel Stress, dass
an die Stelle von Weihnachtsfreude völlige
Erschöpfung tritt und
Tränen fließen; dass die, die sich gegenseitig
beschenken wollen,
sich stattdessen anschreien.
Das
Weihnachten, das wir vorbereiten können, garantiert aber noch
lange
nicht, dass es auch wirklich Weihnachten bei uns wird. Vielleicht
gibt es ja Gans oder Karpfen, äußerlich vielleicht
ein
Hochglanzweihnachten wie in den Prospekten – und trotzdem
will
keine Weihnachtsfreude aufkommen. Wir werden auf diese Weise
erinnert, dass die wesentlichen Dinge im Leben nicht machbar sind,
sich nicht erzwingen lassen.
3
Es
gibt ein
anderes Weihnachten. Die Weihnachtsgeschichte ist voll davon. Es ist
ein Weihnachten, das begegnet.
Unverhofft
begegnet. Und das muss eben nicht am 24. Dezember, am Ende eines
langen Vorbereitungswegs sein. "Es gibt ein Kind" – und
zwar ein ganz bestimmtes. Ganz anders zur Welt gekommen, als von den
Eltern geplant. Nicht
zuhause. Unterwegs, in einer
Notunterkunft, weil die Mächtigen wieder einmal die Menschen
wie auf
einem Schachbrett hin und her schieben. Statt der schönen
Wiege, die
Josef als Zimmermann sicher schon mit viel Liebe gezimmert hatte,
diente eine schäbige Futterkrippe als Kinderbett. Für
Maria und
Josef wurde es an einer ganz anderen Stelle als gedacht Weihnachten.
Ebenso
wie
für die Hirten.
Weihnachten begegnet ihnen während
ihrer wenig angesehenen Arbeit. In ihren dunklen Alltag bricht mit
den Engeln der Glanz des Himmels ein. Nie hätten sie erwartet,
dass
Gott ihnen dort nahe kommen könnte. Dass
sie, die
Außenseiter, als erste zu diesem Fest
eingeladen werden.
Schließlich
die sternkundigen Weisen aus dem
Osten. Sie folgen dem
Stern, der ihnen einen besonderen König verheißt.
Doch dieser König
begegnet ihnen nicht im Palast der Hauptstadt, sondern im Stall eines
kleinen Dorfes. Nicht als König, der gerade seinen Thron
bestiegen
hat, umjubelt vom Volk, sondern ihnen begegnet ein neugeborenes Kind
einfacher Leute. Und nur der Stern und die Erzählung der
Hirten
weisen darauf hin, dass es sich um ein besonderes Kind handeln
könnte. Ja, dass es Gott selbst ist, der ein Kind wird und als
Kind
in die Welt kommt, wie es später heißt.
4
"Es
gibt
ein Kind" – das war Weihnachten damals. Und heute?
Die
Weihnachtsgeschichte zeigt uns den Ort, wo uns Weihnachten heute
begegnen könnte. Wenn Erwachsene ein Kind anschauen,
müssen sie
nach unten blicken. "Genauso müsst Ihr den Blick nach unten
richten" sagt die Weihnachtsgeschichte. Dorthin, wo die
Außenseiter heute sind. Dorthin, wo Menschen nach wie vor von
den
Mächtigen wie auf einem Schachbrett hin und her geschoben
werden. Wo
auf Kinder keine Rücksicht genommen wird (Wieviele Kinder
mögen
seit damals unter ähnlichen Umständen zur Welt
gekommen sein –
aber von niemand beachtet?) Dort unten begegnet Gott. Sucht ihn nicht
hinter den Sternen, nicht in Palästen, nicht hinter
Schaufenstern.
Das Kind wurde erwachsen, aber Jesus blieb bei den Menschen, da, wo
sie ganz unten waren. Ganz unten als Aussätzige, als Hungrige,
als
Witwe, die mit dem einzigen Sohn ihre Zukunft verloren hat. Er
brachte ihnen Gott nahe, gab ihnen neue Zukunft, freute sich mit
ihnen. Er war da, wo das Kind in ihnen Trost und Hilfe brauchte. Er
stellte sich ganz auf ihre Seite: "Was ihr einem meiner
geringsten Brüder, einer meiner geringsten Schwestern getan
habt,
das habt ihr mir getan", hat er gesagt. "Es gibt ein Kind –
und nicht nur eines", das auf uns wartet in all den
Ohnmächtigen
und Hilfsbedürftigen. Unsere Nächstenliebe ist
gefragt. Nicht
allein mit Geschenken. Zuhören, Zeit schenken, gastfreundlich
sein
braucht es, damit Friede auf Erden wird und Weihnachten mit der
Botschaft von Gottes Liebe auch bei uns ankommt.
Das
andere
Weihnachtsfest, das man vorbereiten und planen kann, soll damit nicht
schlecht gemacht werden. Ein stückweit können wir uns
darauf
vorbereiten, dass uns das wirkliche Weihnachten begegnet. Es braucht
nur die richtige Einstimmung und den richtigen Blick. Dann kann es
Gans und Karpfen geben, auch für die anderen, weil es ein Kind
gibt.
Pfarrer
Johannes Fritzsche
Ev. Kirchengemeinden
Bellersheim und Obbornhofen
|