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Die Kraft des Löwenzahns

Zeichnung 'Pusteblume'

Dahte

Sie sind der Schrecken ordnungsliebender Gärtner und Gärtnerinnen, aber ein Vergnügen für Kinder: Löwenzahnblüten, Pusteblumen... Mit den dicken gelben Blüten und den hohlen Stengeln können Kinder so schön spielen, aber am besten gefällt es ihnen, den abgeblühten Löwenzahn zu pflücken, zu pusten und zuzuschauen, wie die kleinen Samenkörner an den zarten Schirmchen davonschweben, wie sie vom Wind in die Höhe und weit weggetragen werden.

Ich weiß, der Löwenzahn kann sich ganz schön breit machen. Wo so ein kleines Samenkorn gelandet ist und sich ungestört entwickeln kann, bildet sich ein Pflanze mit einer kräftigen Wurzel, die man so leicht nicht ausreißen kann. Und trotzdem, oder gerade deshalb lasse ich mich gern von der Begeisterung der Kinder anstecken.

Mit ganz verschiedenen Empfindungen kann man den davonfliegenden Löwenzahnschirmchen nachsehen:

Man kann sich ganz einfach dem Fernweh hingeben: "Mit solcher Leichtigkeit möchte ich mal meinen Alltag hinter mir lassen, mich irgendwo ins Blaue hinein treiben lassen..."

Man kann wehmütig den Schirmchen hinterherschauen und dann resigniert auf den zurückgebliebenen Stengel mit dem leeren Blütenboden blicken und sich denken: "So wie die Blume, so verausgabt sich mein Leben; alles geht dahin: meine Zeit, meine Träume und Hoffnungen. Meine Kraft verschwendet sich - wofür?"

Ich kann aber auch gelassen und fröhlich die Pusteblume als Sinnbild dafür nehmen, daß ich mich nicht umsonst verausgabe. Ein Teil von dem, was ich tue und rede und wofür ich mich einsetze, tut sicher seine Wirkung - egal ob das im Beruf, in der Kindererziehung, beim Engagement in Vereinen, in der Kirche oder der Politik ist. Im einzelnen kann ich nicht immer verfolgen, welche meiner Bemühungen erfolgreich waren und was fruchtlos geblieben ist. Aber wie von den vielen, vielen Löwenzahnsamen etliche gut landen und aufgehen werden, so wird sicher auch ein Teil meiner Worte und Taten fruchtbar sein.

Schließlich kann ich mich auch ganz einfach staunend und in Ehrfurcht vor der Schöpfung dem Gebet des Heiligen Franziskus anschließen:

"Gelobt seist du, mein Herr,
für unsere Mutter Erde!
Die hegt und trägt uns.
Und vielerlei Frucht und
farbige Blumen treibt sie
und Gras."

Die Kraft, die in den zarten Löwenzahnschirmchen wohnt, und die Kraft, die ich in mir verspüre, hat denselben Grund: Gott.


Beate Fritzsche
Diese Betrachtung wurde im Gemeindebrief Juni 1997 veröffentlicht.

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