"Schon wegen der Neugier ist das Leben lebenswert." Hoppla. Ein Satz zum Drüberstolpern, dieses jüdische Sprichwort. Ich habe geschmunzelt, als ich es das erste Mal las - genauso wie vielleicht manche von Ihnen jetzt. Da wird eine weitverbreitete menschliche Schwäche humorvoll und augenzwinkernd aufs Korn genommen.
Manche von Ihnen werden sich über diesen Satz aber eher ärgern: Sie kennen die gnadenlose Neugier von Nachbarn. Oder Ihnen begegnen in Ihrem Beruf immer wieder untätige Neugierige - "Schaulustige" - die jede Hilfe unterlassen und die Helfer behindern. Für diejenigen, die von solcher Art Neugier betroffen sind, mag dieses Sprichwort wie Hohn klingen.
Aber Neugier kann eben auch ganz anders sein. Sie hat eine große Spannbreite. Sie reicht von sachlicher, wissenschaftlicher Neugier bis zur leidenschaftlichen Neugier der Liebenden. Ich bin immer wieder fasziniert von der Neugier der Kinder. Wie offen, vorurteilsfrei und wißbegierig sie Menschen begegnen und die Welt erforschen. Unersättlich ist ihr Drang, zu verstehen, was sie noch nicht kennen. Mit dem einfachen Schlüssel "Warum?" öffnen sie für sich immer wieder neue Türen, hinter denen sich unbekanntes Neuland verbirgt. Und zu ihrer Neugier gehört das Staunen, wie groß, interessant und geheimnisvoll diese Welt ist. Diese Weltsicht ist es, die für Kinder tatsächlich "das Leben lebenswert" macht. Denn es gibt noch so viel zu entdecken und zu lernen. Langeweile oder Resignation können da nicht aufkommen.
Ich meine, die Langeweile und Resignation im Leben vieler Erwachsener rührt genau da her: Daß sie diese anfängliche Neugier, diese Entdeckerfreude, verloren haben oder daß sie ihnen ausgetrieben wurde. Sie haben verlernt, mit dem Schlüssel "Warum?" verschlossene Türen aufzuschließen. Sie haben verlernt, Alltag und Routine zu hinterfragen. Sie glauben, alles zu kennen und zu wissen. Wer Kinder im Fragealter hat, kann am leichtesten die Neugier und das Staunen wieder lernen. Eine solche Neugier tut sicher uns allen gut: Schon wegen dieser Neugier wird das Leben lebenswert.
"Ein 'Wort zum Sonntag' über die Neugier? Hat er sich da nicht völlig vertan?", fragen sich jetzt vielleicht manche. Vor allem solche, die sich in der Bibel gut auskennen. Und Sie haben recht: Das Wort "Neugier" (oder "neugierig") kommt kein einziges Mal in ihr vor.
Aber erstens hat Gott uns die Neugier ebenso als Gabe mitgegeben wie z.B. den Verstand. Und wir sollen sie wie alle anderen Gaben zum Wohl unserer Mitmenschen einsetzen. Zweitens hat Jesus gesagt: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in den Bereich kommen, wo Gottes Kraft euer Leben durchdringt." Damit hat er auch ihre neugierige und vorurteilsfreie Offenheit gemeint. Und hat sie selbst vorgelebt.
Solche Neugier ist keine Schwäche, über die man nachsichtig schmunzelt, sondern ein Geschenk, das Türen öffnet. Lernen wir von den Kindern!