Die Kraft des Pianissimo
(Der jährliche Brief, den die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Weihnachten bekommen, enthielt 2006 folgendes Bild und folgenden Text:)
Die größte Kraft auf der Welt ist das Pianissimo.
Maurice Ravel (1875 - 1937)
französischer Komponist
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Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
als Chorsänger habe ich schon oft die Erfahrung gemacht: Die Aufmerksamkeit der Zuhörer ist dann am höchsten, wenn die Sängerinnen und Sänger ganz leise Passagen singen. Was kaum zu vernehmen ist, erregt die Neugier, man möchte Klang und Text hören, spitzt die Ohren und lauscht. Blättergeraschel, Husten oder Naseschneuzen verstummt. Gespannte Aufmerksamkeit füllt den Raum. Ähnliches kennt Ihr sicher auch von zurückhaltenden Menschen, die sehr leise sprechen. Wenn sie sich zu Wort melden, verstummen die Nebengespräche. Ihnen hört man besser zu als denen mit der lauten Stimme, die gegen den Lärmpegel um sie herum angehen - und trotzdem oft nicht gehört werden. So ist das Pianissimo tatsächlich eine Kraft, die in uns mehr Aufmerksamkeit und größere Hörbereitschaft weckt. Und uns ansteckt, selbst leise werden lässt.
Nun hat aber Maurice Ravel nicht gesagt "Die größte Kraft in der Musik..." sondern: "Die größte Kraft auf der Welt..." Ist das nicht ein wenig hoch gegriffen?
Im Weihnachtsgeschehen steckt eine große Kraft. Aus der Geburt eines Kindes in einer unbedeutenden Familie in einer Notunterkunft irgendwo in der Provinz in einem fernen Land vor 2000 Jahren - aus einem "leisen" Ereignis - ist das größte und beliebteste Fest in unserem Land geworden. Gott bevorzugt das Pianissimo, die leisen Töne: In einem Kind kommt er zur Welt, nicht als starker Mann und einflussreicher Politiker. In den Träumen des Josef meldet er sich zu Wort - in Traumbotschaften, die dem Missverständnis ausgesetzt sind. Und schon vorher, in der Geschichte mit seinem Volk, war das nicht anders: Am Propheten Elia will er höchstpersönlich "vorübergehen". Es kommt ein starker Wind, "der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach" - aber Gott war nicht im Wind. Es folgt ein Erdbeben - aber auch in ihm war er nicht. Nach dem Erdbeben kam ein Feuer - aber auch im Feuer war er nicht. Und nach dem Erdbeben kam "ein stilles sanftes Sausen" und Elia weiß, dass Gott darin vorübergeht und verhüllt sein Gesicht mit dem Mantel. (1.Könige 19)
Gottes Kraft steckt im Pianissimo. Die lauten Töne, das Fortissimo scheinen nur auf den ersten Blick stärker. Sie überwältigen, schreien nieder - aber sie machen uns nicht empfangsbereit, sie überzeugen uns nicht, sie rühren nicht unser Herz an. Das tut das Kind in der Krippe. Es rührt unser Herz an, weil es in uns den Wunsch weckt, zu beschützen, da zu sein, Kraft und Aufmerksamkeit zu schenken - es weckt unsere Aktivität.
Gottes Kraft steckt auch im Pianissimo eines Menschen: Wer unsicher, leise, nicht druckreif redet, ist für uns viel glaub- und vertrauenswürdiger , als jemand, der im Brustton der Überzeugung, ohne den geringsten Anflug von Zweifel, seine Ansicht verkündet.
Ihr und wir, die wir in der Kirchengemeinde mitarbeiten, versuchen, unsere Aufgabe möglichst gut zu erfüllen. Manches gelingt ganz gut, mit anderem sind wir unzufrieden. Aber wer weiß, vielleicht sind gerade die Aktivitäten, die wir für unvollkommen und unbedeutend halten, viel wichtiger als die großen und gut vorbereiteten Veranstaltungen in der Kirchengemeinde. Was perfekt daherkommt, weckt vielleicht Anerkennung, manches Event beeindruckt vielleicht - aber die Herzen der Menschen werden erreicht durch kleine Gesten und Handlungen: Ein kurzes, freundliches Gespräch, ein kleiner Moment Zeit, um bei etwas zu helfen, eine kleine Aufmerksamkeit. Im Verborgenen, im "Pianissimo", geschieht das Eigentliche unserer Gemeindearbeit...
Pfarrer Johannes Fritzsche
Ev. Kirchengemeinden
Bellersheim und Obbornhofen
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