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Ein Zuhause haben

Ansprache zum Dorffest am 13.08.2000 in Obbornhofen. Gefeiert wurde im Hof des Heimatmuseums.

Liebe Gemeinde,
1.
für etliche von uns ist die Erfahrung noch ganz frisch: Wir waren im Urlaub, haben Abstand vom Alltag gewonnen, haben eine fremde Landschaft, andere Menschen kennen gelernt, vielleicht auch Sonne getankt, den Reiz des Fremden gespürt... Und dann geht's wieder nach Hause! In unserer Familie war es bis jetzt noch jedes Mal so, dass irgendwann auf der Heimfahrt plötzlich einer von uns gesagt hat: "Ach, zu Hause ist's doch auch wieder schön. Ich freu' mich schon auf zu Hause." Und die anderen Familienmitglieder haben zugestimmt. Und jeder hat so seine Pläne, was er dann als nächstes zu Hause machen wird.

Ich finde: Es ist schön, wieder heimzukommen. Manches sieht man mit anderen Augen, wenn man aus einer anderen, fremden Umgebung in die vertraute Umgebung zurückkehrt. Man freut sich über dieses, nimmt sich vor, jenes zu ändern, bringt aus dem Süden ein Olivenbäumchen für die Terasse mit...

Es ist schön, ein Zuhause zu haben, ein Haus, eigne vier Wände, egal ob gemietet oder als Eigentum...

Schließen Sie doch 'mal die Augen und stellen Sie sich Ihr Zuhause vor, wie Sie es wahrnehmen, wenn Sie eine Weile weg waren - im Urlaub oder im Krankenhaus - was Sie sehen, was Sie riechen, fühlen, wenn Sie sich Ihrem Zuhause wieder nähern, die Tür aufschließen...

Ein Zuhause zu haben, ist eines unserer Grundbedürfnisse.

"Baut Häuser und wohnt darin", spricht mit der Stimme des Propheten Jeremia Gott zum Volk Israel, das nach verlorenem Krieg von seinen Feinden ins Exil nach Babylon geführt wird: "Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn, denn wenn es ihr wohl geht, so geht es auch euch wohl."

- "Baut Häuser und wohnt darin" - Baumärkte und Einrichtungshäuser leben von unserem Bedürfnis nach einem wohnlichen Zuhause. Ständig neue Trends, viel Schnickschnack soll unser Zuhause gestalten. Da gibt es so viel Überflüssiges, was einfach nur abgestaubt werden muss und sonst zu nichts taugt. - Wie schlicht und einfach und an den alltäglichen Bedürfnissen orientiert die Häuser früher eingerichtet waren, können wir im Heimatmuseum gut sehen.

- Vielleicht ist die Zeit nach dem Urlaub eine gute Zeit, um 'mal ordentlich zu entrümpeln und sich zu fragen: "Was brauch' ich eigentlich?"

- Ja, was brauch' ich eigentlich? Was macht mein Zuhause eigentlich aus? Was gibt mir Geborgenheit in meinen vier Wänden?
  • Dass das Dach dicht ist, der Wind nicht durch die Ritzen pfeift?
  • Das Wissen: Ich kann die Tür hinter mir zu machen und habe vor allem meine Ruhe - "my home is my castle"?
  • Eine gemütliche Einrichtung, ein wenig Bequemlichkeit und Komfort?
  • Pflanzen, Bücher, Bilder, Gegenstände, mit denen sich Erinnerungen verbinden?
Was da mehr im Vordergrund steht, mag bei jedem ein wenig anders aussehen. Aber diese eher äußerlichen Gegebenheiten allein machen mein Zuhause nicht aus.

Zum Zuhause gehören vor allem die Menschen: meine Familie, Menschen, die zu Besuch kommen, Nachbarn, diejenigen, mit denen zusammen ich mich in einem Verein engagiere oder die ich am Sonntag in der Kirche treffe.

Mit all dem ist unser Zuhause eine Gabe, für die wir dankbar sein können. Nehmen wir doch 'mal die Rückkehr aus dem Urlaub oder den Gottesdienst heute als Anstoß, Gott dafür zu danken, dass wir ein Zuhause haben.

Ein Zuhause zu haben - welch ein Grund zur Dankbarkeit das ist, das werden wahrscheinlich am stärksten die Menschen empfinden, die einmal von einem Tag auf den andern ihr Zuhause verlassen und aufgeben mussten, als Flüchtlinge in eine ihnen fremde Gegend kommen und sich hier erst wieder ein Zuhause aufbauen mussten. Sie sind gewiss auch heute noch jedem dankbar, der sie damals aufgenommen oder ihnen geholfen hat, wieder ein Zuhause aufzubauen.

2.
"Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte..." Unser Zuhause ist eine Gabe, für die wir Grund haben, dankbar zu sein - es ist aber auch eine Aufgabe.

Ein Zuhause zu haben bringt eine Fülle von Pflichten und Aufgaben mit sich: putzen - aufräumen - reparieren und renovieren - und auch die häusliche Gemeinschaft will gepflegt werden. Wenn's zwischen den Familiengliedern nicht stimmt, wenn der Haussegen dauerhaft schief hängt, kann eine Wohnung noch so schön in Ordnung sein, dann flieht unter Umständen ein Familienglied das Haus. Da geht der eine in die Wirtschaft, die andre stürzt sich in ungezählte Aktivitäten. Ein gutes Zusammenleben im Haus kostet Anstrengung, genau wie die äußere Unterhaltung des Hauses. Es braucht Zeit: Zeit zum gemeinsamen Gespräch, zum Gedankenaustausch und zur Auseinandersetzung. Konflikte müssen bearbeitet und dürfen nicht ständig unter den Teppich gekehrt werden.

Und auch das, was über das Haus hinaus unser Zuhause noch ausmacht - die Nachbarschaft, das Zusammensein in Vereinen, in der Kirchengemeinde - braucht Pflege, braucht das ständige Gespräch und gelingt nur, wenn es ein gegenseitiges Geben und Nehmen ist. In zunehmendem Maß leben in der Nachbarschaft Menschen, die von außerhalb zugezogen sind, und wenn es sich dabei um Russlanddeutsche handelt oder um türkische Familien, dann ist es auch da unsre Aufgabe, ein nachbarschaftliches Verhältnis aufzubauen - auch wenn es vielleicht nicht so ganz einfach ist.

Unser Zuhause mit allem, was dazu gehört, gestalten wir miteinander und füreinander und auch für die, die nach uns kommen. Es sollen nicht nur unsre Enkel 'mal ein Zuhause haben in dem Haus, das wir gebaut haben, sie sollen auch gut mit denen zusammen leben, die ihre Wurzeln woanders haben. Dafür legen wir heute den Grundstein.

3.
"Baut Häuser und wohnt darin..." Gott kennt unser Bedürfnis nach Geborgenheit, nach einem Zuhause. Die Bibel erinnert uns aber auch daran, dass wir uns nicht für die Ewigkeit in unsrem Haus einrichten können: "Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir."

Für die jungen Familien, die durch eine berufliche Veränderung bedingt, ihr bisheriges Zuhause aufgeben muss, ist das noch leichter als für den alten Menschen, dem es zunehmend schwerer fällt, allein zu leben, der aber gerne in seiner vertrauten langjährigen Umgebung bleiben möchte. Loslassen, das Haus verlassen, ist schwer. In der Bibel gibt es viele Geschichten, die bei dem schwierigen Prozess des Loslassens und Weggehens helfen können:
  • Abraham verlässt auf Gottes Wort hin seine Heimat und sucht ein neues Zuhause.
  • Das Volk Israel zieht unter Moses Führung aus Ägypten aus.
  • Ruth folgt ihrer Schwiegermutter in deren Heimat - in ein für sie unbekanntes, fremdes Land.
  • Jesus und seine Jünger führen ein unstetes Wanderleben, sie haben ihr Zuhause aufgegeben, sind Gäste unter fremden Dächern.
Diese Geschichten vom Aufbruch aus der Heimat, vom Verlassen des Gewohnten erzählen aber alle auch davon, dass Gott diesen Weg mit geht und seine Menschen nicht alleine lässt.

Der Psalm 23, der ja für viele von uns auch ein Zuhause ist, ein Zuhause aus Worten, spricht in Bildern davon, dass wir bei Gott ein unverlierbares Zuhause haben mit einem gedeckten Tisch, mit gefülltem Becher. Und er mündet in die vertrauensvolle Aussage: "Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar."
Amen.
Beate Fritzsche
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